Arm sein

Erzählung aus Peru von Mitch F. Rojas, frei übersetzt

Arm sein

Ein Vater, finanziell gut gestellt, wollte seinem Sohn nahebringen, was es bedeutet, arm zu sein. Er nahm ihn für ein paar Tage mit in die Berge, zu einer Bauernfamilie. Sie verbrachten 3 Tage und 2 Nächte mit dieser Familie. Im Auto, auf dem Rückweg in die Stadt, fragte der Vater seinen Sohn:

  • „Was sagst du zu dieser Erfahrung, Sohn?“
  • „Super!“, antwortete der Sohn.
  • „Und, was hast du gelernt?“, bohrte der Vater nach.
  • „Dass wir einen Hund haben und sie haben vier.“, sagte der Sohn. „Wir haben ein Schwimmbad mit stehendem Wasser, das gerade bis zur Hälfte unseres Gartens reicht, und sie haben einen Fluss ohne Ende, mit kristallklarem Wasser, wo es kleine Fische, Barsche und andere Tiere gibt. Dass wir Laternen aus dem Osten importieren, um unseren Garten zu erleuchten, während sie am Abend das Licht der Sterne und des Mondes haben. Dass unser Vorgarten bis zum nächsten reicht und ihrer reicht bis zum Horizont. Dass wir unser Essen kaufen müssen, während sie ihres säen und ernten. Dass wir CDs hören und sie hören eine unendliche Sinfonie von Grillen, Vögeln, Fröschen und anderen Tierchen, und all das manchmal dominiert von dem rhythmischen, friedlichen Geräusch eines Nachbarn, der gerade seinen Acker bearbeitet. Dass wir auf einem Elektroherd kochen, während alles, was sie zubereiten, diesen fantastischen Geschmack hat, wenn etwas in einem Steinofen zubereitet wurde. Dass wir, um uns zu schützen, eine Mauer mit Alarmanlage um uns herum gebaut haben, während sie mit offenen Türen leben, geschützt durch die Freundschaft mit ihren Nachbarn. Dass wir „verbunden“  sind mit der Außenwelt durch unsere Handies, unseren Fernseher und unseren Computer, andererseits sind sie verbunden mit dem Leben, dem Himmel, der Sonne, dem Wasser, dem Grün der Berge, den Tieren, ihren Früchten, ihrer Familie.

Der Vater war erstaunt über die tiefgängige Ausführung seines Sohnes.

  • „DANKE, Papa, dass du mir gezeigt hast, wie arm wir sind!“

Diese Geschichte soll dazu anleiten, meinen Blog mit offenem Herzen und weitem Sinn zu lesen. Wenn ich schreibe, dass wir unser Brot in einem Steinofen backen, möchte ich nicht dass ihr denkt „Ohje, die können sich nicht leisten, welches zu kaufen.“ Wenn ich schreibe, dass die Kinder hier im Fluss schwimmen gehen, und nicht im Schwimmbad, möchte ich nicht dass ihr denkt, dass sie ein Schwimmbad oder sauberes Wasser vermissen. Denn das tun sie nicht. Das Leben hier ist anders, aber gut. Das Brot schmeckt viel besser, wenn man weiß, mit wieviel Kraft und Geduld man es herstellen musste. Den Fluss und seinen Lauf respektiert man viel eher, wenn man weiß, dass man sein Wasser zum Leben braucht.

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Internat in Candua – mein neues Zuhause für die nächsten 11 Monate

Ich bin gut in Candua im Internat angekommen und wurde herzlich begrüßt. Ich kam früh morgens an, nach einer fast 10-stündigen Busfahrt auf einer unbefestigten Straße. Die Mädchen kamen ziemlich verschlafen aus ihren Zimmern, die sie sich zu 4. oder zu 6. teilen. Sie haben sich gefreut mich zu sehen, als ob wir uns schon lange kennen würden und sie nur auf meine Ankunft gewartet hätten. Die Fragen, die ich hier am meisten höre sind „Wie heißen deine Eltern?“ oder „Wie viele Geschwister hast du?“ Wenn ich sage „Eine Schwester.“, folgt die Frage „Und wie viele Brüder?“ „Keinen, leider.“

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Auf dem Heimweg ins Internat – außerhalb dürfen die Mädchen sich nur bewegen, wenn sie vorher Bescheid gegeben haben wo und wie lange

Die meisten Mädchen haben um die 5 Geschwister. Die Geburtenrate in ganz Bolivien ist sehr hoch. In Monteagudo, der Kleinstadt zu der Candua gehört, sind 2 von 10 Mädchen zwischen 11 und 16 Jahren schwanger. Viele Mütter sind alleinerziehend und, alleine oder nicht, es ist meistens mühsam die ganze Familie zu versorgen. In Candua, einem eher dörflichen Teil von Monteagudo, reiht sich Laden an Laden, das kann man sich vorstellen wie viele kleine Kioske. Tiendas. Verkauft wird meist alles von Hygieneartikeln bis hin zu Telefonkarten. Auch wenn das Einkommen alles andere als sicher ist – es soll zum Leben reichen. Trotz allem oder genau deshalb ist Familie hier sehr wichtig. Das habe ich nicht nur aus den neugierigen Fragen der Mädchen gelernt. Als ich vor Kurzem spontan eine Religionslehrerin in der Schule um die Ecke vertreten habe, die auch die Mädchen aus dem Internat besuchen, habe ich die 14-Jährigen Jungs und Mädels gefragt, was sie glücklich macht und was man nicht mit Geld bezahlen kann. Mehr als die Hälfte hat geantwortet „Zeit mit meiner Familie verbringen.“

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1 Tag Vertretung am „colegio“ – nach Schulabschluss können die Jugendlichen eine Universität besuchen

Die Mädchen aus dem Internat sehen ihre Familie nicht oft. Sie sind fast alle aus sehr ländlichen Gegenden, Gemeinden oder sehr kleinen Dörfern. Del Campo, sagt man hier. Das Leben im Internat steht fast nie still. Es gibt immer etwas zu tun und die Anlage für die fast 40 Mädchen und 4 Ordensschwestern, die hier wohnen, ist relativ groß. Ob Hausaufgabenbetreuung, Holzsammeln, Versorgung der Tiere (8 Kühe außerhalb auf einem Feld und 4 Schweine innerhalb des Internats) oder Brotbacken. Man ist froh um jede helfende Hand und die Mädchen arbeiten selber schon sehr viel mit und müssen viel für die Schule machen.

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Belén mit dem fertigen Brot, das noch am ehesten an deutsche Brötchen erinnert.

Kinderarbeit ist in Bolivien ab 10 Jahren erlaubt und es ist keine Ausnahme. Die Mädchen im Internat gehen aber nicht in die Stadt um Eis, Getränke oder Süßes zu verkaufen, wie viele andere Kinder (dass 8000 bolivianische Kinder unter gefährlichen Bedingungen in den Minen in Potosí und Oruro arbeiten, ist eine andere traurige Wahrheit, über die ich später berichten möchte.) Sie helfen im Internat mit. Die Kinder stammen aus ganz unterschiedlichen Familien und oft ist es noch schwierig, sie alle einschätzen zu können. Es gibt Kinder, die Buntstifte besitzen, und andere nicht. Es sind auch immer dieselben, die sich Schere oder Kleber von anderen ausleihen möchten, weil sie keine haben. Manchmal verschwindet etwas und angeblich weiß keiner, wo der neue Bleistift oder das Buch von Fátima oder Ana Belén ist. Solche Dinge passieren und es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber arm sind die Kinder hier nicht. Weil sie reich an Gemeinschaft sind, die auch ich vorher so nicht kannte.

 

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