Unter Mördern – unter Menschen

Monteagudo, 24.09.2016. Es ist der Tag, an dem Hermana Lidia mich mit ins Gefängnis von Monteagudo nimmt. Das erste Mal war sie dort erst vor Kurzem, weil ein junger Mann, den sie seit seinen Kinderjahren kennt, als Insasse dort eingewiesen wurde. Nach dem ersten Besuch war sie so berührt, dass sie heute nochmals kommen will. Außerdem kommt Selina mit, die in einer Lederwerkstatt arbeitet. Sie möchte, dass die Gefängnisinsassen ein paar Vorarbeiten für die Werkstatt machen. Deshalb nehmen wir 2 Muster von Schlüsselanhängern mit, die in Selinas Werkstatt hergestellt werden. Außerdem möchten wir den insgesamt 36 Insassen etwas zum Essen mitbringen. Im Internat bereiten wir zusammen zwei Hähnchen zu, mit denen wir später im Gefängnis Hamburger machen werden. Wir nehmen noch Tomatenscheiben, Mayonnaise und Brötchen mit. Außerdem eine ganz große Kanne Kaffee mit ordentlich Zucker (wie hier üblich). Die Mädchen aus dem Internat fragen mich „Hast du keine Angst?“ –„Glaubst du nicht, dass du weinen wirst?“ – „Bestimmt brüllen sie alle, dass sie was zu essen haben wollen, wenn du kommst. Ich glaube, die kriegen kein Essen da.“

Ganz so schlimm ist es nicht. Und Angst habe ich keine, schließlich weiß ich von der Schwester, dass sich da alle freuen werden, wenn sie Besuch bekommen. Wenn wir uns unterhalten können. Wenn sie etwas Gutes zum Essen bekommen und einfach merken, dass sie nicht vergessen werden. Der Bekannte von Hna. Lidia zum Beispiel ist Waise und kennt seine Angehörigen nicht. Ich denke irgendwie gar nicht darüber nach, dass viele der Insassen wegen Mord oder Vergewaltigung hier sind, als wir durch die unscheinbare Gefängnistür treten, die aussieht wie der Eingang einer anderen kleinen Tienda oder eines Wohnhauses.

Glaubst du nicht, dass du weinen wirst?

Es gibt hier einen Gefängniswächter. Er ist groß, breit und tätowiert. Wir fragen um Erlaubnis, und er sagt Klar, schließlich ist heute der Feiertag der Heiligen Jungfrau von Mercedes, und da dürfen wir natürlich eintreten. Besuchszeiten sind eigentlich ganz andere, aber ich kann mir vorstellen, dass auch diese Zeiten hier nicht so streng eingehalten werden. Wie ungefähr alles in Bolivien, was mit Zeit zu tun hat. Wir kommen in einen kleinen Innenhof. Um den Innenhof herum sieht man die Zellen, durchnummeriert. Diese werden hier geteilt und neben dem Hochbett, was in einer Zelle steht, ist kaum Platz für drei Leute nebeneinander. Als wir eintreten, machen vier Männer sofort den Plastiktisch frei, an dem sie sitzen und stellen ihn uns mit ein paar Stühlen hin. Es scheint der einzige Tisch hier zu sein. Andere, die gerade an Fischernetzen weben, die an den Mauern herunterhängen, unterbrechen ihre Arbeit.

„Hallo!“, spricht Hna. Lidia. „Einen wunderschönen Guten Tag. Wir haben euch als kleine Geste heute Hamburger und Kaffee mitgebracht. Bitte kommt und bedient euch alle.“ Die Insassen freuen sich sehr und bringen alle ihre Plastikbecher aus ihren Zellen herbei. Hier hat jeder sein eigenes Geschirr ins Gefängnis mitzubringen. Mir fällt auf, dass Einige wirklich noch nicht einmal Becher aus Hartplastik haben, sondern dünne „Einweg“-Plastikbecher. Die werden hier natürlich gespült. Zusammen mit Selina mache ich die Hamburger, während Hermana Lidia Kaffee verteilt.

Bitte kommt und bedient euch alle!

Im Gefängnis sind ausschließlich Männer. Aber Einige haben Besuch von ihren Familien bekommen. Ein paar Kinder toben durch den Innenhof und freuen sich ebenfalls über das Essen. Danach ergreift Selina das Wort. Sie stellt sich vor, erklärt, was die Insassen machen können und zeigt ihnen die Muster. Die Männer scharen sich wie die Bienen um sie. Alle sind begeistert und natürlich möchte jeder arbeiten. „Wir möchten alle mit Ihnen zusammenarbeiten“, sagt ein junger Mann. „Wir brauchen alle Geld, um unsere Familien zu ernähren. Die Fischernetze verkaufen wir für 500 Bolivianos.“ Selina hatte gar nicht mit so viel Andrang gerechnet. Viele machen schon kleine Arbeiten, stellen wunderschöne Schlüsselanhänger aus Draht her oder bauen kleine Schiffe als Andenken in Glasflaschen. Aber sie verkaufen sie nirgends, außer im Gefängnis. Selina möchte ein ihrerseits ein paar von den zierlichen Drahtanhängern mitnehmen und sie in ihrer Werkstatt zum Verkauf auslegen. Es sind kleine Kannen und für den Chaco (unsere Region) typische Sombreros en miniatura.

Wir brauchen alle Geld, um unsere Familien zu ernähren.

Wir unterhalten uns noch ein wenig. Als wir uns verabschieden möchten, werden wir aufgehalten. „Bitte Schwester“, sagt ein Insasse. „Bleibt noch ein wenig. Wir möchten, dass ihr mit uns zu Mittag esst.“ Dass die Männer hier nichts zu essen bekommen, stimmte natürlich nicht, aber ehrlich gesagt war ich mir gar nicht so sicher gewesen, als die Mädchen das gesagt haben. Ich war noch nie in Deutschland in einem Gefängnis, aber ich kann mir vorstellen, dass man da schon ein wenig mehr Platz hat. Oder auch Gläser, Tassen, Besteck. Wir bleiben zum Mittagessen, was die Männer sehr freut, und auch noch ein bisschen länger. Der Bekannte von Hna. Lidia packt seine Gitarre nach dem Essen aus. Ein anderer Insasse bringt Liederbücher herbei. Die, die wir auch immer in der Kirche verwenden. Die Texte hier sind aber nicht nur auf Spanisch. Auch in indigenen Sprachen sind viele Lieder dabei. In Quechua oder Aymara. Alle zusammen singen wir und ich habe kurz das Gefühl, dass ich bei einer bolivianischen Großfamilie zu Besuch bin und nicht im Gefängnis.

Bleibt noch ein wenig!

Als wir uns verabschieden, bedanken sich alle noch einmal herzlich. „Wirklich, Schwester, wir freuen uns immer wenn ihr kommt. Unsere Türen sind immer offen für euch“, sagt  einer. „Danke“, sagt Hermana Lidia. „Und denkt immer daran. Das, was zählt ist der Glaube und das Vertrauen in Gott.“ Ich sehe nicht die Reaktion aller Männer, als sie das sagt, aber der Insasse gegenüber von mir nickt mit dem Kopf und spricht leise, aber überzeugt „Si.“

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