Allerheiligen in Chuquisaca

Ich möchte euch in diesem Beitrag über Allerheiligen / Allerseelen berichten – welches hier in Bolivien etwas größer gefeiert wird als in Deutschland.

Am 31.10. reise ich mit Christiane nach Sucre, um an einem weltwärts-Tag teilnehmen zu können. Hier kommen wir bei Hermana Judith unter, die uns schon ganz am Anfang beherbergt hat, als wir aus La Paz nach Sucre gekommen sind. Es ist schön, nochmal alle aus diesem Haus wiederzusehen! Den 01.11. verbringen wir auch noch in Sucre. Wir sind froh, wenigstens 1 Nacht in einem richtigen Bett schlafen zu können, denn die „Flotas“, die Busse in denen man hier reist, fahren über Nacht.

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Typische Kolonialbauten in Sucre

Allerheiligen wird hier „Todos Santos“ genannt, Allerseelen, also der 2. November, „Todos los disfuntos“. Warum schon Mitte Oktober alle davon gesprochen haben, dass dieser Tag immer näher rückt, und dass man ja jetzt schon anfangen müsse „masitas“ zu backen, hatte sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig erschlossen. „Masitas“ – das ist Kleingebäck, also Kekse, Teilchen, Plätzchen verschiedenster Art. Ich zähle hier mal ein paar typische auf: Maizenas, süße Kekse aus Maismehl. Rosquitas, Gebäck mit Käse aus grobem Maismehl. Rollo, Teigrolle, gefüllt mit Käse und dünn mit Chili bestrichen. Empanadas mit Zwiebeln, mildem Chili und Paprika, und Käse gefüllt. Dann gibt es noch etwas, was aussieht wie die Weckmänner an St. Martin bei uns und diesen auch im Geschmack ähnelt.

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Geschmückter Tisch auf dem Haptfriedhof in Sucre

Viele Familien haben also schon Mitte Oktober begonnen, diese leckeren Dinger zuzubereiten und auch unsere backbegabte Hermana Micaela hat mich schon vor Allerheiligen probieren lassen. Als wir am 01.11. den Friedhof in Sucre besuchen, erschließt sich mir der Sinn allerdings erst richtig. Obwohl die Messe am Morgen schon längst stattfand, schmücken die Hauptstadtbewohner eifrig die Gräber ihrer Verstorbenen. Und vor diesen Gräbern bringen sie eben diese Masitas dar. Mittags wird damit begonnen, denn nach einem alten Glauben kommen die Seelen der Verstorbenen ab diesem Zeitpunkt zu Besuch und bleiben bis zum 02.11. – Allerseelen. Es wird gebetet und sich getroffen, auch aus sozialen Zwecken. Hier kommt die ganze Familie zusammen, es wird am Grab der Verstorbenen gegessen und getrunken.

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Die Särge werden hier in Sucre in Nischen geschoben. Hochbetrieb an Allerheiligen.

Als ich am 02.11. zurück ins Internat nach Candua komme (ich habe meine kleine Familie schon ein bisschen vermisst ;-)), nimmt Hermana Lidia mich zu einem noch viel persönlicheren Allerseelen mit. Ich begleite diese Schwester immer sehr gerne, weil sie total engagiert und motiviert ist und immer den Kontakt zu Menschen sucht. So betreten wir am Morgen ein Haus, über dessen Tür eine große schwarze Schleife hängt. Diese Dorfbewohner haben dieses Jahr ihre liebe „Tia Maria“ (Tante Maria) verloren. Auf dem Weg dorthin bläst uns ein eisiger Wind entgegen. Das Wetter ist untypisch für diese Jahreszeit und erinnert mich eher an November in Deutschland. Als wir eintreten ist es aber schön warm. Der erste Raum ist geschmückt mit lila und schwarzen Bändern, den Großteil des Raumes nimmt ein Tisch ein, der vollgestellt ist mit verschiedenstem Gebäck und Getränken. Am Tischende steht ein Bild von Tia Maria. „Vielen Dank, dass ihr gekommen seid, Schwester!“, sagt die junge Frau, die uns geöffnet hat. Sie trommelt den Rest der Familie zusammen, unter anderem Enkel und den Witwer von Tia Maria, der ganz in schwarz gekleidet ist. Wir versammeln uns um den Tisch und beginnen zu beten. Das Gebet hatte Hermana Lidia vorher noch in aller Eile abgeschrieben. „Die Leute beten das hier immer am 02.11.“, sagte sie. „Aber ich hab keine Ahnung, wie das geht.“

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Typische Masitas – zwar eingepackt aber selbstgemacht.

Nach dem irgendwie traurigen, aber auch tröstenden Gebet, bei dem wir uns alle die Hände gereicht haben, werden wir gebeten Platz zu nehmen. Ich weiß, dass Hermana Lidia noch in andere Häuser eingeladen ist, und ganz eigentlich überhaupt keine Zeit hat. Aber natürlich kann man nicht einfach so abhauen, und am Ende wird sich eh alles verzögern. Das denke ich mir zumindest in dem Moment, weil ich es hier schon oft so erlebt habe. Bolivianisches Lebensgefühl. Wir bekommen einen Becher mit klebrig süßer Limonade (hierzu Nein zu sagen wäre unhöflich) und eine Auswahl an Masitas. Die müssen wir Gott sei Dank nicht auf der Stelle essen und nehmen sie mit.
Wir gehen weiter zum 2. Haus. Auch hier hängt über der Tür eine große schwarze Schleife. Wir werden genauso herzlich begrüßt. Diesmal nimmt es mich aber mehr mit, hier zu sein. Der junge Mann, der gestorben ist, war erst 26 Jahre alt. Es ist traurig den Schmerz der Mutter zu sehen und ihre anderen beiden Töchter habe ich schon öfter als Vertretung in der Schule unterrichtet. Aber bis ich sie hier gesehen habe, wusste ich natürlich nicht, dass ihr Bruder gestorben ist. Hier bleiben wir auch noch ein bisschen länger, und obwohl es erst 10 Uhr ist, möchte die Mutter unbedingt, dass wir das Mittagessen probieren. „Picante“, geröstetes Maismehl in einer leicht scharfen Soße, wird hier typischerweise am 02.11. serviert. Sie haben in einem riesigen Topf auf dem Hof draußen gekocht, um alle Familienmitglieder sattzubekommen.

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Menschen auf dem Friedhof in Monteagudo.

Nachmittags gehen wir auf den Friedhof nach Monteagudo. Hier ist jetzt richtig viel los. Um 4 soll die Messe stattfinden. Schon vorher ziehen Kinder von Grab zu Grab und sagen ihre Gebete auf. Überall wo sie gebetet haben, bekommen sie ein Päckchen mit dem selbstgemachten Gebäck geschenkt. Fast genauso ziehen auch Hna. Lidia und ich von Grab zu Grab. Natürlich beten wir nicht überall. Wir beginnen mit den Gräbern der verstorbenen Busfahrer. Hier verunglücken ziemlich oft Busse, was bei den Wegen auch wirklich kein großes Wunder ist. Die Regierung ist aber schon dabei, einige Hauptverkehrswege asphaltieren zu lassen. Als Dank bekommen wir Masitas und einen Becher Cola. Die Schwester versucht an den Gräbern der Leute zu beten, die sie kannte, aber immer wieder winken uns auch andere Familien heran. Das macht bestimmt ihre weiße Kleidung und ihr sympathisches, verschmitztes Lächeln. Am Ende des Tages haben wir kiloweise Gebäck und mein Magen klebt von den ganzen süßen Getränken. Aber Nein sagen ist hier wirklich nicht drin, denn es ist unglaublich, mit wieviel Dank ein einziges Gebet hier angenommen wird.

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