Fest der Liebe

Weihnachten fern von der Familie. Hat sich erstmal ziemlich traurig angehört. Wurde aber dann zu einer der schönsten Überraschungen in meinem bolivianischen Alltag.

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Heiligabend verbringen wir… hier.

Wir machen uns 2 Tage vor Heiligabend auf den Weg. Wir, das sind Hermana (Hna.) Lidia und ich. Unser Weg soll uns zu einer kleinen Gemeinschaft, Entierrillos, führen. Ich kenne niemanden dort, außer einem Mädchen aus dem Internat. Ihre Familie ist von dort und in den Weihnachtsferien, die hier insgesamt 2 Monate dauern, hilft sie zuhause bei ihren Eltern. In Entierrillos gibt es, wie in so vielen kleinen, bolivianischen Dörfern, keinen Priester. Katechisten halten ab und zu Wortgottesdienste. Wir nehmen nicht viel mit, ein Gesangbuch, unseren Schlafsack und Kleidung (sowohl für uns als auch gebrauchte, zum Verschenken). Außerdem noch Weihwasser und Hostien, die Hna. Lidia im Haus der Priester in Monteagudo besorgt. Typische Szene: Wir verlassen kurz vor knapp das Haus, unser Bus soll um 9 Uhr in Monteagudo losfahren. Wir kommen um 20 vor 9 an- der Busfahrer verlädt die Gepäckstücke bereits auf das Dach des Busses. Woanders ist kein Platz mehr. Hna. Lidia: Wieviel Zeit habe ich noch? Ich muss Weihwasser besorgen. Busfahrer: 20 Minuten, um Punkt 9 fahren wir hier los. Ich warte an der Haltestelle. Es ist 9, 5 nach 9, 10 nach 9. Hna. Lidia ist nicht in Sicht, die Reisenden machen allerdings auch keine Anstalten, ihre Plätze einzunehmen. Bei 30 Grad ist es draußen im Schatten angenehmer. Um 9:15 Uhr kommt Hna. Lidia schließlich angelaufen. Wird aber der Situation gewahr und setzt sich neben mir in den Schatten. Um 9:45 fordert der Busfahrer die Reisenden auf, einzusteigen. Wir haben Glück, Sitzplätze gekauft zu haben- der Bus ist vollgestopft, Kinder liegen und sitzen auf dem Boden, Erwachsene stehen Rücken an Rücken. Ein Jugendlicher bietet einer Schwangeren den Sitzplatz an, den er gekauft hat. Ja, es ist Weihnachten, alle wollen ihre Familien besuchen. Es ist Weihnachten und auch Weihnachten ist für einen Bolivianer nicht Grund genug, pünktlich zu sein. Um 10:15 Uhr rollt unser „Micro“ endlich los.

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Auf dem Weg zum Campo… sieht man nicht mehr so viel Zivilisation.

Wir fahren ca. 5 Stunden bis Meson, für mich nicht mehr als eine Hütte im Nirgendwo. Hier steigen wir aus. „Ich habe mit Don Gerardo gesprochen“, sagt Hna. Lidia. „Sie holen uns mit Pferden oder Motorrädern ab, haben sie gesagt.“ Ich habe ehrlich gesagt auf ein Pferd gehofft. Aber die Motorräder, mit denen sie uns schließlich abholen sind auch nicht schlecht, der Weg von Meson bis Entierrillos zieht sich noch ziemlich. Jedes Mal, wenn wir einen kleinen Bach durchqueren (und von denen gibt es dort viele), werden Schwärme von Schmetterlingen um uns herum aufgescheucht. Einer der beiden jungen Männer, die uns abholen, kommt mir bekannt vor. Es ist der Vater von Carmen, dem Mädchen aus dem Internat.

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Schmetterlinge, auf dem Bild nur schwer einzufangen.

Wir kommen schließlich in Entierrillos an: eine riesige Grünfläche, ein Fußballplatz, Pferde und Kühe. Und ein paar Häuschen, 5 ungefähr. Noch denke ich, dass das hier alles ist. Die beiden Männer setzen uns ab und wir lernen Don Roman, den Katechisten hier, und Dona Delia, seine Frau kennen. „Setzt euch, setzt euch, ruht euch aus!“, meinen sie und stellen uns 2 Holzstühle an einen schattigen Fleck, unter einen Baum. Auf ihrem Hof laufen ganz viele Hühner rum, einen Papagei entdecke ich auch. Wir bekommen Tee serviert und frischgebackenes, noch warmes Brot. Den Tee bekomme ich allerdings kaum runter, weil er wie reines Zuckerwasser schmeckt. Aber egal, am ersten Tag möchte ich nicht gleich ihre Gastfreundschaft verletzen. Don Roman erzählt uns, dass ganz Entierrillos fast nur aus einer großen Familie besteht: „Wir waren 24 Brüder. Also mein Vater hatte 24 Söhne- auf 2 Frauen aufgeteilt. Jetzt sind wir noch 22… Alle haben schon ihre eigenen Familien. Ein paar sind nach Santa Cruz gegangen, ein paar nach Sucre.“ Interessant. Da verwundert es nicht, dass jetzt 2 schon aus Versehen innerhalb der eigenen Familie geheiratet haben. „Ja, damit das nicht nochmal vorkommt, treffen wir uns dieses Jahr alle an Silvester hier. Wir werden um die 100 sein.“ Aber jetzt ist es ja schon passiert. Wir erfahren außerdem noch, dass Don Roman und Dona Delia, wie viele hier, Honig herstellen und verkaufen. Außerdem nehmen sie jede Schreinerarbeit an. Mir fällt auf, wie friedlich dieser Ort hier wirkt. Man hört die Vögel zwitschern und sieht Grün, wohin man auch schaut. Das Klima hier ist ein kleines bisschen tropischer als in Monteagudo und dementsprechend werden wir auch von vielen Mücken gestochen. Danach tragen wir mit den beiden eine Strohmatratze in einen kleinen Salon, oberhalb des Fußballplatzes: hier werden wir für die nächsten Tage unterkommen.

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Zentrum von Entierrillos- die Menschen sind auch nur wegen Weihnachten hier versammelt.

 

Den Tag vor Heiligabend möchten wir nutzen, um die Familien in ihren Häusern zu besuchen. Es stellt sich heraus, dass die paar Häuser um den Fußballplatz nicht die ganze „comunidad“ sind und man von Haus zu Haus einige Kilometer laufen muss. Morgens sehe ich endlich Carmen, das Mädchen aus dem Internat- sie wohnt nicht weit von unserer kleinen Unterkunft entfernt und holt uns mit ihrer Mutter und ihren 2 kleinen Geschwistern ab. Sie drückt uns eine Tüte mit Gebäck in die Hand: „Hier, euer Frühstück.“ Wir gehen zusammen bis zu dem Haus, wo Carmen wohnt. Hier kehren wir kurz ein, sprechen ein kleines Gebet für die Familie und verabschieden uns, mit dem Versprechen auf dem Rückweg nochmal vorbeizukommen. Unser weiterer Weg führt uns nur noch bergauf und in den nächsten 4 Stunden schaffen wir es auch nur noch zu 2 Häusern. Ziemlich weit oben auf dem Berg besuchen wir Don Arsenio und seine Familie. Er war bis letztes Jahr noch als Politiker in der Region tätig und ist viel rumgekommen, musste zu Versammlungen in Sucre, La Paz und Santa Cruz reisen. Jetzt kümmert er sich wieder um seine Äcker, Tiere und das Haus. Als wir ankommen, sind sie gerade ein Badezimmer draußen am konstruieren. Alle helfen mit: Vater, Mutter, ein Sohn und die Töchter. Eine Tochter bereitet gerade das Essen zu und lädt uns ein, mitzuessen. Da die Familie viele Kartoffeln geerntet hat, die sie größtenteils schon in Santa Cruz verkauft haben, gibt es Pellkartoffeln mit Salat. Ich bin ziemlich froh, mal halbwegs gesund zu essen. Es ist schön, diese Momente in einer Familie zu teilen, die ich vorher nicht einmal kannte. Hermana Lidia kennt die meisten Leute hier flüchtig, da sie vor 5 Jahren schon einmal Weihnachten hier verbracht hat. Es können sich jedoch alle noch sehr gut an sie erinnern. Wir bleiben noch ein wenig, schauen uns alte Fotos an… Hier entdecke ich auch Carmen als kleines Kind. Don Arsenio ist ihr Onkel.

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Bei Carmen zuhause.

Die wenigen Stunden, die uns bis Heiligabend bleiben, verbringen wir so. Wir reden, lachen und essen in den Familien. Wir sprechen ein paar geistliche Worte, ich muss erzählen, wie Advent in Deutschland verbracht wird. Da hören die Leute immer ganz gespannt zu. Während hier bis zum Dreikönigstag das „Kind angebetet“ wird, mit lauter Musik, Tanz und grellblinkenden Lichtern, ist unsere Adventszeit doch ruhiger und besinnlicher. Das habe ich anfangs vermisst, und tanzen wollte ich auch nicht. Spätestens an Heiligabend aber, beginne ich mich daran zu gewöhnen und danach macht es mir sogar richtig Spaß. In einem Haus kehren wir ein, wo eine ehemalige Interne wohnt. Sie ist 20 und ihr kleiner Sohn hüpft munter auf dem Hof rum. „Und wie geht es deiner Schulfreundin Yasmira?“, fragt Hermana Lidia die Jugendliche. „Gut, gut…“, antwortet diese. „Sie hat ja in Sucre angefangen zu studieren.“ „Im wievielten Semester ist sie?“ „Jetzt schon im 3. Semester. Aber sie ist schwanger, im 9. Monat.“

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Auf dem Weg von Haus zu Haus.

Ich war ja vor Heiligabend etwas kritisch, was die Präsenz der Leute in der für diesen Abend geplanten Feier anging. Wir haben zwar in jedem Haus Bescheid gesagt, aber durch die großen Distanzen kamen wir nicht zu vielen Familien. Doch während der Feier bin ich überrascht. Die kleine Kapelle ist voll. Eduardo, der Sohn von Don Roman, hatte vorher noch provisorisch ein Bäumchen aufgestellt, was er gefällt hatte. Darunter haben wir Gras  gesetzt, worauf die Leute ihr Jesuskind legen konnten. Dieses haben die meisten zuhause, da der Anbetung dieser Figur großer Wert beigemessen wird. Die Menschen sind dankbar, dass die Schwester gekommen ist und dies soll nicht die einzige Feier sein. Am 1. Weihnachtstag laden wir auch nochmal alle ein, um 11 mit uns Gottesdienst zu feiern. Danach essen wir „chancho al horno“, was hier typischerweise in der Weihnachtszeit zubereitet wird. Carmens Familie hat das Schwein zubereitet. Eine andere Familie hat Yuca beigesteuert, wieder jemand anderes hat Salat gemacht oder Mote mitgebracht (gequollener Mais). Es wird alles geteilt und wir essen noch in der Kapelle. Dann eine besonders schöne Geste: Ein junges Paar, sie arbeiten in Santa Cruz, sind aber aus der „comunidad“, trommelt alle Kinder zusammen. Der Größe nach sollen sie sich aufstellen. Die Kinder bilden aufgeregt eine Reihe. Aus dem Karton vor ihm zieht der junge Mann ein Spielzeug nach dem anderen, jedes Kind bekommt eins, dem Alter gerecht werdend. Die Kinder sind überglücklich, probieren ihre neuen Plastikautos und Barbiepuppen gleich vor der Kapelle aus. „Die beiden arbeiten in einem Unternehmen in Santa Cruz.“, erzählt mir jemand. „Jedes Jahr bringen sie Spielzeug mit. Das Unternehmen sponsert.“

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Nach der Weihnachtsfeier in der Kapelle.

Weihnachten in Entierrillos neigt sich dem Ende zu, als wir uns auf den Weg zum Haus von Don Gerardo machen. Hier feiert die Comunidad jedes Jahr und betet das Kind an. Auch hier gibt es chancho al horno, Chicha (Maisgetränk, je nach Gärungsgrad auch ziemlich alkoholhaltig), Milch für die Kinder, Wein… Jedes Jahr wird für dieses Fest eine Torte gebacken. In diese Torte werden Papierstreifen gesteckt, die angeben, was man für das nächste Jahr beisteuern muss. Freiwillige aus der Comunidad ziehen ein Papierchen. Als wir gegessen und getanzt haben, wird es so langsam etwas ernster. Don Arsenio spricht ein paar Dankesworte, bevor die Torte herbeigetragen wird. „Los, geh und zieh einen Streifen!“, spicht mir Hna. Lidia augenzwinkernd zu. Ich halte das für einen Witz und fange an zu lachen, aber sie hört nicht auf zu drängen. „Ja, komm schon, zieh einen Streifen und schau was wir für nächstes Jahr beisteuern müssen.“ „Es ist schon klar, dass wir dann so oder so hierhin zurückkommen müssen?!“ „Ja, klar. Mache ich. Jetzt geh schon.“ Ich ziehe einen Streifen aus der Torte und lese vor: Schwein, 50kg. „Sorry, aber kann ich mit jemandem tauschen? Ich habe keine Schweine.“ Im Gegensatz zur Mehrheit von Entierrillos. Mein Name wird schließlich für Wein notiert. Und ich bezweifle stark, dass ich nächstes Jahr nach Entierrillos zurückkehre werde, aber gefallen würde es mir auf jeden Fall. Wir gehen mit familiären Gefühlen und verabschieden uns von den Menschen, die wirklich alles mit uns geteilt haben, von dem Fluss, der uns über die Tage mit klarem Bergwasser versorgt hat und auch von dem Berg, auf dessen Gipfel ein großes Holzkreuz steht. Und nein, nicht weil wir hier gebetet haben, sondern weil es der einzige Ort mit Handysignal war. Danke, Entierrillos! Danke, Gott, für ein Weihnachten, dessen besonderes Geschenk die Zeit war, die wir mit den Menschen dort verbringen durften.

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Die Krippe und Anbetung des Kindes bei Don Gerardo.
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