Klopf mal wieder an eine Tür.

eilWenn ich Freunde besuche, wenn ich an eine Tür klopfe und die Menschen dahinter zuhause sind, dann werde ich immer mit einem Lächeln begrüßt. Dann werde ich immer reingebeten. Der Besuch ist nie unpassend. Der Besuch muss vorher nicht angekündigt oder über WhatsApp mitgeteilt werden. Die Menschen, die ich Freunde nennen darf, nach so kurzer Zeit, sind nicht viele. Aber sie sind der Grund, der mich hier angekommen fühlen lässt.

Wenn sie arbeiten, arbeite ich mit, wenn sie kochen, werde ich zum Essen eingeladen. Wie oft würde sich eine Familie in meinem Heimtland übrrumpelt fühlen, wenn – plötzlich, ohne Vorankündigung – Besuch vor der Tür stünde? Dann ist das Wohnzimmer nicht aufgeräumt, im Bad liegt Wäsche rum, eigentlich wollte man doch heute… da kommt Besuch ganz schön unpassend.

Wenn ich Freunde besuche oder besucht werde, dann ist das erste, was wir teilen: Brot und Tee. Brot hat hier jeder meistens im Haus, oft selbstgebacken. Brot ist nicht teuer, man kann es an jeder Straßenecke kaufen. Es ist einfach und man brauch nichts dazu. Oft kommt es schon etwas süßlich oder mit Gewürzen daher. Das war am Anfang gewöhnungsbedürftig und ja, ich vermisse das deutsche Brot (besonders das beste aus meinem Heimatdorf Lünebach). Aber diese einfache Geste birgt etwas sehr Schönes in sich. Es muss eben nicht immer etwas Besonderes sein, nicht viel Schnickschnack für den Besuch. Mit dem Besuch wird genau das geteilt, was auch mit der Familie geteilt wird. Auf den ersten Blick. Denn manchmal ist das dann doch etwas Besonderes. Oft teilen gerade die, die nicht viel haben, besonders gerne. Sie selbst sind bescheiden, lassen sich nicht gerne einladen, sind leicht beschämt wenn sie beschenkt werden – freuen sich aber von Herzen.

Wenn Sonntag ist, Familientag, bleiben deutsche Familien gerne unter sich. Was verständlich ist, und es sind ja auch nicht alle, die das so handhaben. Hier werden sonntags gerne mal Freunde eingeladen. Wie gesagt, Besuch scheint hier nie unpassend zu sein. Wenn er vor der Tür steht, wird er eben reingebeten und die Tätigkeit, die man in dem Moment ausgeübt hat, zur Seite gestellt. Nach hinten geschoben. Polychrome Zeiteinteilung nennt man das. Was kommt, das kommt, wenn es als wichtig erachtet wird, wird es vorgezogen. So kann es vor lauter Vorziehen manchmal dazu kommen, dass Sachen bis kurz vor knapp (oder auch kurz nach knapp) liegengelassen werden, aber da dies die allgemeine Mentalität wiederspiegelt, verstehen sich die Landsleute untereinander. Natürlich kann dieses Zeitverständnis vor allem im Arbeitsalltag auch mal zu Auseinandersetzungen führen. Und bestimmt ist auch der ein oder andere Bolivianer genervt davon (und erst recht Touristen, die das Land besuchen. Wird mit einem Plan angereist, der dann im Land selber zigmal umgeworfen wird, verliert so mancher Europäer bestimmt die Nerven.)

Aber können wir uns davon nicht auch ein wenig etwas abschauen? Können wir bitte wieder mehr Zeit mit unseren Mitmenschen verbringen, als vorm Schreibtisch oder im Fitnessstudio? Besuchen wir Menschen, mit denen es uns guttut, sich auszutauschen. Machen wir uns nicht mehr so viele Gedanken, ob wir gerade „passend sind“ oder „stören könnten“. Lassen wir die Wäsche mal einen Tag länger liegen. Gehen wir mal wieder auf die Straße! Fangen wir an, uns für den Fremden zu öffnen. Und lassen wir das Ganze nicht nur imaginär geschehen, sondern Realität werden.

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